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Norbert Schott aus Novosibirsk

21. Mai 2009 | 15:38

Der folgenden Text wurde von einem Deutschen, der in Novosibirsk lebt, verfasst. Ich habe ihn hier gefunden und veröffentliche jetzt für Euch!

Foto: kissmybabushka.com
Eine Monstration in Novosibirsk. Foto: kissmybabushka.com

Am Freitag wurde in Nowosibirsk Artjom Loskutow, ein junger Künstler, festgenommen.

Artjom organisiert seit mehreren Jahren verschiedene Veranstaltungen - Videofestivale, Flash-Mobs, Installationen, Ausstellungen. Die markanteste Veranstaltung ist die von mir mehrfach erwähnte "Monstration" - ohne "de", denn die Vorsilbe steht für Worte wie destruktiv, demontieren, ... Auf der Monstration kamen Jahr für Jahr am 1. Mai bis zu 800 junge Leute zusammen und zogen mit sinnfreien, aber emotionalen Plakaten durch die Stadt, meist direkt hinter den Kommunisten mit ihren roten Bannern. Ein konkretes Ziel hatte die Monstration nie - es ging einzig um positive Emotionen. Einen politischen Charakter wollte man ausdrücklich vermeiden und forderte daher vor allem zu lustigen Plakaten auf: "Irgendwie so was!", "Tanja, weine nicht!", "Gekochte Zwiebeln - igitt!"

Die Monstration wurde stets argwöhnisch betrachtet, jedoch toleriert. Vereinzelt gab es kurzfristige Festnahmen wegen pornografischer Plakate oder Verstößen gegen die Versammlungsordnung - nie ernsthafte Probleme.

Dieses Jahr drehte sich der Wind, vermutlich weil man vor dem Hintergrund der Krise allgemein besorgt ist, dass die Stimmung umschlagen könnte. Damit die Kommunisten nicht an gewohnter Stelle marschieren konnten, wurde von der Stadt kurzerhand ein Staffellauf im Stadtzentrum angesetzt. Für die Künstler interessierte sich das "Amt für Kampf gegen Extremismus und Terrorismus". Mehrere Verantwortliche der vergangenen Jahre wurden vorgeladen und eindringlich vor einer neuen Monstration gewarnt. Die vormaligen Veranstalter sagten die Veranstaltung offiziell ab - was natürlich bei einem Internet-Flashmob nur bedingt funktionierte.

Während die deutlich kleinere Monstration lief, war Artjom Loskutov persönlich im "Amt für Kampf gegen Extremismus und Terrorismus" zur Vorsprache - hat also nachweislich nicht teilgenommen.

Am Freitag Morgen erhielt Artjom einen Anruf aus dem Amt, er solle vorbeikommen. Da es ein Arbeitstag war, bat er um ein amtliches Schreiben, mit dem er sich auf Arbeit entschuldigen könne. Als Antwort bekam er die Drohung, dass man ihn mit einem Auto und Hunden abhole, wenn er nicht freiwillig komme.

Am Abend, während er mit einer Freundin spazierte, wurde er plötzlich auf der Straße von Uniformierten, welche sich nicht auswiesen, aufgegriffen. Auf Nachfrage warf man ihm Straftaten vor, ohne dies zu erläutern. Man befragte ihn zwei Stunden im Auto, danach nahm man ihm seinen Rucksack zur Durchsuchung ab. Durch den Rücken eines Beamten verdeckt wurde der Rucksack im Kofferraum des Autos ausgekippt, worauf sich im Kofferraum unter den Sachen 11 Gramm Haschisch fanden. (Die ihm nun vorgeworfene Straftat wurde also erst festgestellt, nachdem er längst festgenommen war.)

Die Begleiterin von Artjom hatte wenige Minuten zuvor den Rucksack auf andere Dinge durchsucht und kein solches Päckchen gefunden. Auch Artjom streitet jeden Drogenbesitz ab. Allein die Tatsache, dass ihm wenige Stunden zuvor unangenehme Besuche der Polizei angekündigt wurden, macht es unwahrscheinlich, dass er illegale Sachen bei sich führte.

Heute war die erste Gerichtsverhandlung, in welcher über die Untersuchungshaft bis zum endgültigen Prozess entschieden werden sollte. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass bei Artjom Fluchtgefahr besteht und führt einen Polizeibericht an, dass er nicht an seiner Meldeadresse gelebt hat - was in Russland oft der Fall ist. Der Bericht trägt jedoch kein Datum und ist damit an sich nicht verwertbar.

Die Verteidigung konnte rund 20 Unterstützerschreiben teils hochrangiger Persönlichkeiten vorweisen, die alle Artjoms Unbedenklichkeit bescheinigen: Nachbarn, Künstler, der Rektor der Universität, Direktoren von Kultureinrichtungen, Kinos und Klubs, sogar ein anderer Polizist bestätigte, dass Artjom stets aufzufinden war und nie negativ aufgefallen ist, dass er nicht trinkt und keinen Kontakt mit Drogen hatte. Kollegen und Professoren bestätigen, dass Artjom stets auf Arbeit und beim Studium erscheint.

Artjom kümmert sich um seine kranke Mutter, ihre Rente würde zum Überleben nicht reichen. Artjom steht drei Wochen vor seinem Diplom - für die Ausbildung hat er fünf Jahre lang hohe Studiengebühren bezahlt. Seine Arbeitsstelle bei der Pressestelle der Universität steht auf der Kippe.

Trotz dieser vielen Hinweise, dass eine Flucht von Artjom nicht nur sehr unwahrscheinlich ist sondern auch zu unermesslichen persönlichen Härten führt, wurden von der Richterin ignoriert. Bis zur Entscheidung im Hauptverfahren bleibt er in Haft, da hohe Fluchtgefahr und fortgesetzter Drogenhandel drohen würden.

Einen kleinen Erfolg hatte die heutige Gerichtsverhandlung immerhin: Mit mehr als 20 Pressevertretern und zeitweise bis zu 100 Besuchern hatte niemand gerechnet. In den Verhandlungsraum passten gerade so die Pressevertreter und engsten Freunde. Die Polizei war zeitweise überfordert mit der Menschenmenge, am Ende wurden scheinbar Sonderkräfte angefordert. Es ist auch nicht alltäglich, dass nicht eingelassene Besucher sechs Stunden bei Regenwetter vor dem Gebäude warten. Es bleibt zu hoffen, dass diese unerwartete Aufmerksamkeit die Verantwortlichen zum Nachdenken über ihre Handlungen bringt.

Es wäre gut, wenn diese Aufmerksamkeit auch außerhalb Novosibirsks zunehmen würde. Wenn Ihr gute NGO- oder Pressekontakte in Deutschland hat, leitet diese Schilderung bitte weiter. Ich stehe auch jederzeit als Kontaktperson zu den Unterstützern von Artjom und seinem künstlerischen Kurator zur Verfügung. Auch für Interviews zu den Details der Gerichtsverhandlung oder den Kunstaktionen Artjoms kann man mich gern anschreiben oder anrufen.

Viele Grüße aus Novosibirsk,

Norbert Schott

Kommentare

Доктор Бро

30. Mai 2009 | 17:46
Ist auch bei Heise gelandet http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30393/1.html

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